Organische Schadstoffe in der Bausubstanz II:
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| Raumtemperatur | 30°C |
| rel. Luftfeuchte innen | 53 % |
| Außentemperatur* | 27°CC |
| rel. Luftfeuchte außen* | 48 % |
| Windrichtung* | Süden |
| Windgeschwindigkeit* | 1 m/s |
Zum Zeitpunkt der Probenahme war der Himmel bewölkt mit sonnigen Abschnitten ( *Quelle: Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin-Dahlem).
Bei den routinemäßig quantitativ untersuchten Substanzen erwiesen sich die
Konzentrationen zweier Substanzen als auffällig. Die Auffälligkeit zeigt sich bei der
Gegenüberstellung der Messwerte mit Ziel- und Richtwerten, die in einem
Bewertungskonzept des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der FU Berlin und des
Vereins B.A.U.CH.e.V. abgeleitet werden2:
| Vorraum | Bestimmungsgrenze | Zielwert | Richtwert | |
|---|---|---|---|---|
| [µg/m³] | [µg/m³] | [µg/m³] | [µg/m³] | |
| n-Butanol | 43 | 1 | 10 | 25 |
| Butanal | 208 | 1 | 5 | 10 |
Zielwerte bezeichnen anzustrebende Raumluftkonzentrationen,
unterhalb derer
auch bei langfristiger Exposition keine gesundheitlichen Nachteile für die
Gesamtbevölkerung auftreten sollten. Die Zielwerte sind technisch erreichbar (z. B.
durch Produktauswahl, Lüftung etc.), sollten aber nicht ausgeschöpft werden. Sie
entsprechen in der Regel den 50-Perzentilwerten (Medianwerten) der oben genannten
Untersuchungen. Die Richtwerte beschreiben ein Konzentrationsniveau, dessen
Überschreitung eine Auffälligkeit darstellt, deren Ursache ermittelt und möglichst
durch geeignete Maßnahmen beseitigt werden sollte. Die Richtwerte werden somit nicht
toxikologisch, sondern statistisch begründet und liegen im Bereich der 90-
Perzentilwerte der genannten Untersuchungen.
Die Auswertung auf unbekannte Substanzen zeigte darüber hinaus eine hohe Konzentration
an Buttersäure.
| Vorraum | Geruchsschwellenwert3 | |
|---|---|---|
| [µg/m³] | [µg/m³] | |
| Buttersäure4 | ca. 120 | 4 |
Die hauptsachliche geruchsbildende Komponente in dem untersuchten Raum durfte
Buttersäure sein - sowie in geringerem Mase Butanal. Die gemessene
Raumluftkonzentration von Buttersäure war im Vergleich zum Geruchsschwellenwert von
4 µg/m³ mit ca. 120 µg/m³ sehr hoch. Der Geruch von
Buttersäure wird als "unangenehm ranzig" oder "erinnernd an
Erbrochenes" beschrieben. Diese Beschreibung deckt sich mit den Schilderungen der
Mieter der betroffenen Räume und der Geruchswahrnehmung des ALAB-Mitarbeiters wahrend
der Probenahme.
Das im Bereich Fusbodenbeläge sehr weit verbreitete Material PVC (Polyvinylchlorid)
steht seit etlichen Jahren immer wieder im Blickfeld der Kritik. Einige Aspekte seien
hier kurz genannt: PVC ist ein Produkt der Chlorchemie; Ausgangsstoff für PVC ist die
krebserregende Substanz Vinylchlorid; im Brandfall wird von PVC bereits ab 100C
Chlorwasserstoff abgespalten, das in Verbindung mit Wasser oder Luftfeuchtigkeit zu
Salzsäure wird, bei hoheren Temperaturen konnen sich chlorierte Dioxine und Furane
bilden. Einige Städte und Gemeinden haben daher die Verwendung von PVC im Baubereich
in öffentlichen bzw. öffentlich geförderten Gebäauden eingeschrankt. Bei der Auswahl
von Fusbodenbelägen versuchen aber auch Wohnungsbaugesellschaften an Stelle von PVC-
Belägen auf chlorfreie Bodenbeläge auszuweichen. Dies hat dazu geführt, dass grosse
Hersteller bestrebt sind, als Alternative einen chlorfreien Bodenbelag anzubieten.
Nach Auskunft des Herstellers handelt es sich bei dem verlegten Bodenbelag um einen
chlorfreien Werkstoff auf Basis von Polyvinylbutyral (PVB). PVB wird unter Verwendung
von Butanal produziert5. Als Einsatzbereiche werden genannt: Verarbeitung
zu Folien für Verbundglas, Bestandteil von Lacken, Druckfarben, Phenolharzklebern,
Textilbeschichtungen. Die Verwendung von PVB als Fussbodenbelag ist in der Literatur
nicht beschrieben. Eine mögliche Ursache hierfur konnte in der Empfindlichkeit des PVB
liegen. Reines PVB kann durch Säuren, bedingt auch durch Laugen und heisses Wasser
hydrolytisch zersetzt werden6. Als direkte bzw. indirekte
Zersetzungsprodukte kommen u. a. Butanol, Butanal und Buttersäure vor.
Da Hersteller und Generalunternehmer nutzungsbedingten Verschleiss der Versiegelung und
mangelnde Pflege fur die Geruchsbelastung verantwortlich machten, wird einerseits
eingestanden, dass der Geruch mit dem Bodenbelag in Zusammenhang steht. Andererseits
hat der Hersteller eine genaue Pflegeanleitung mit ausgewiesenen Pflegeprodukten
erstellt, die mit dem Satz schliesst: "Bei Beachtung der Pflegeanleitung bleibt
der Wert des Bodens lange erhalten". Auf eine eventuelle Unverträglichkeit des
Bodenbelags z.B. mit sauren oder alkalischen Reinigungs- oder Pflegemitteln wird in
diesem Merkblatt nicht hingewiesen. Da aber in Mietraumen von jedem Nutzer auf
handelsübliche Produkte zuruckgegriffen wird, stellt sich die Frage, ob es nicht fast
zwangsläufig - früher oder später - zum Einsatz nicht vertraglicher Pflege- und
Reinigungsmittel kommen muss.
Auch Butanal und Butanol - beides Vorläufersubstanzen bei der Bildung von
Buttersäure - waren mit 208 µg/m³ bzw. 43 µg/m³ in
ungewöhnlich hohen Konzentrationen nachweisbar.
Vor diesem Hintergrund und aufgrund des offensichtlichen Fehlens weiterer potenzieller
Quellen der genannten Substanzen kam der Bodenbelag als Hauptquelle für die in
vergleichsweise sehr hohen Konzentrationen nachgewiesenen Substanzen Butanol, Butanal
und Buttersaure in Betracht.
1nach Angben des Auftraggebers
2veröffentlicht in: Schleibinger H. et al.: Ziel- und Richtwerte zur
Bewertung der VOC-Konzentrationen in der Innenraumluft ein
Diskussionsbeitrag. Umweltmedizin in Forschung und Praxis 7 (3), 139 - 147 (2002)
3Schriftenreihe des Länderausschuss für Immissionsschutz (LAI) Bd. 5:
Feststellung und Beurteilung von Geruchsimmissionen.
4halbquantitativ bestimmt
5Römpp Chemielexikon, Georg Thieme Verlag Stuttgart, New York 1993
6Franck, A., Biederbick, K.: Kunststoff-Kompendium. Vogel Buchverlag,
Würzburg 1990
>>> PDF-Artikel: "Organische Schadstoffe in der Bausubstanz II - 02/2004"
